Der eiserne Sonntag

Es it geschafft! Es ist Dienstag – zwei Tage nach dem Rennen. Mein Gang ist ein wenig hakelig, ansonsten gehts mir gut. Ich bin fast überrascht… Doch der Reihe nach:

Die Nacht war kurz. Ich glaube ich bin gegen 2 Uhr eingeschlafen. So kurz vor dem Rennen bin ich dann doch etwas aufgeregt.

03:30
Der Wecker klingelt. Schon in der Nacht habe ich mich kurzfristig entschlossen zum Rebstockgelände zu fahren anstatt direkt zum Langender Waldsee. Es werden 12000-15000 Zuschauer erwartet. Mit denen wollte ich nicht um die Zufahrt konkurieren. Bis um 4:30 hieß es frühstücken (Kaffee, Toasts mit Marmelade oder Honig und auch einen Riegel), Duschen (zum Kreislauf anregen!), Radflaschen mit ISO mischen, After-Race-Beutel kontrollieren und eine dicke Schicht Sonnencreme auftragen. Die Wettervorhersage war ja extrem. Ich sitze tatsaechlich um 4:30 im Auto.

04:30
Unterwegs kontrolliere ich noch die eine oder andere Sache im Beutel. Vermutlich zum siebten Mal. Radbrille dabei? Gels/Riegel dabei? Klar, hast du doch schon so oft nachgeschaut.

05:00
Das Frankfurter Rebstockgelände. Ca. 30 Autos stehen auf dem Parkplatz. Bin ich hier richtig bei einem Athletenparkplatz für die Ironman-Europameisterschaft mit 2300 Athleten? Ein Bus mit „IRONMAN“ im Display fährt an mir vorbei. Bin wohl richtig 🙂 Ich steige in den vollen Bus und stehe die ganze Fahrt zum See (Ist so lange Rumstehen gut für das Rennen?). Dem Bus voraus fährt eine Motorrad-Eskorte. Als der Bus endlich zum Waldsee abbiegt, sehe ich die Autoschlange bis zum Horizont – zum Glück bin ich mit dem Bus hier. Der bringt uns direkt an die WZ1.

05:30
Ich suche mein Rad. Noch 1,5h zum Start. Massig zeit!? Ich befülle mein Rad mit dem Essen und Radflaschen und versuche eine Pumpe zu organisieren. 30 Pumpen fuer 2300 Athleten? Das ist genauso wie mit den Dixies – es gibt NIEMALS genug vor dem Rennstart. Nach 15mins habe ich endlich eine Pumpe – Allerdings eine defekte 😦 Weitersuchen. Ein Typ schaut mich an und meint „Pmsdfpm?“. Ich hoere nochmal hin „Pump?“ Ich nicke und habe jetzt doch endlich eine Pumpe für um Druck zu machen. Es ist 6 Uhr und ich war immernoch nicht aufm Pott. Die schlange reicht quer durch die Wechselzone. ich stehe 15mins an und versuche alles loszuwerden. Auch meinen weissen After-Race-beutel. Letzte Chance – Jetzt ist er weg.

06:30
Der Sprecher kuendigt den ersten Start in 15mins an. Ich hänge meinen blauen Beutel doch noch vors Zelt anstatt ans Rad und hoffe an alles gedacht zu haben. Ich bin jetzt barfuss und habe nurnoch Badekappe, Schwimmbrille, eine Packung Cola Rideshots und eine ISO-Radflasche bei mir und wandere durch den Sand bergab zum Ufer. Letzte Mahlzeit: Die Fruchtgummis sind drin, ein paar letzte Nipper an der Iso-Flasche. Vor mir Starten die Profis und die ersten 300 Altersklassenathleten. Die Wasseroberfläche wird durchpflügt von ca. 700 Armen. Gleich werden es nochmal 4000 sein die dazu kommen.

06:50
Ich stehe im Wasser. Normalerweise ein kleiner Schock. Besonders wenn man bis über die Hüfte eintaucht. Der Neo ist voellig zurecht verboten worden. Das Wasser ist wirklich angenehm. Ich lasse mich an die rechte Seite treiben, um dem Geprügel ein wenig aus dem Weg zu gehen. Der letzte Countdown: „Noch eine Minute bis zum Start“.

07:00 / Schwimmen
Die Sicherungsboote preschen nach vorne. Das Rennen ist eröffnet! Ich werfe mich nach vorne und beginne zu Kraulen. Ab und zu einem Fuß ausweichen und gleichzeitig dranbleiben um den Wasserschatten auszunutzen. Links und rechts Schwimmer. Potentieller haue versuche ich durch Rückfallen oder Zwischensprints auszuweichen. Ein Blick aus dem Wasser. Ah da vorne ist was gelbes – die anderen Schwimmen auch da hin. Scheint richtig zu sein:) Bald ist die erste Boje erreicht. Ein wenig zu eng habe ich sie genommen; es wird enger. Und schon geht es auf den Landgang zu. Die Marke für die ersten 2km. Beim Landgang bekommt man das erste mal die vielen Zuschauer mit, die schon hier an der Schwimmstrecke stehen! WOW! Und wieder ins Wasser in Richtung zweiter Wendeboje. Diesmal bin ich weit von der Idealline entfernt. Weniger Prügelei aber auch weniger Wasserschatten. Egal. Um die Boje herum. Puls 140. Ich bin positiv überrascht, dennoch merke ich langsam meine Arme. Ich schaue nach vorne. Jetzt kann ich mich schon am Ausstieg orientieren und nicht mehr an gelben Punkten. Das Ufer ist greifbar nahe. Land! Ich fühle mich gut. Das Display zeigt 1h31.

08:30 / WZ1
Wo ist der Beutel? Rein ins Zelt. 8 Minuten fürs Wechseln. Man könnte meinen ich mach eine Kaffeefahrt:) Die meiste Zeit geht fürs Füße putzen (voller Sand) und Anziehen der Kompressionssocken drauf. Ich lasse mir Zeit. Der Tag wird lang genug. Radschuhe an und weiter zum Fahrrad.

08:40 / Rad
Mein Plan war die ersten 1-2h ruhig anzugehen und dann zu schauen wie ich mich fühle, um evtl. eine Schippe draufzulegen. Dazu alle 30mins entweder 1 Riegel oder 2 Geld oder 1Packung Ride Shots. Dazu soviel Trinken wie reingeht und alle 90mins 2 Salzkapsel. Wer sich also fragt, was man Stundenlang auf dem Rad so macht oder denkt: Puls kontrollieren, essen, trinken, Windschattenverbot einhalten. Konzentration ist gefragt. Wenn man hier Fehler macht, dann kann sich das später bitterböse rächen. Sei es noch auf dem Rad oder beim Laufen. Dann der erste Höhepunkt beim „The Hell“: Kopfsteinpflater bergauf, Viele Zuschauer und zwei Teufel die Stimmung machen. Ich bin hier richtig.

Weiter gen Norden und dann zurück nach Richtung Frankfurt. Am Heart-Break-Hill kommt dann das erste Gänsehauterlebnis. Die Zuschauer verengen die Strecke so eng, dass die Radfahrer nur einzeln durchkommen. Man wird den Berg foermlich hochgetrieben. Hier kann ich mich nicht zurückhalten und treibe den Puls etwas höher als sonst. Danach gehts durch Frankfurt an der WZ2 vorbei in die zweite Runde. Hier überrundet mich der spätere Gewinner Andreas Raelert. Immerhin der einzige der mich überrundet:) Weiter gehts mit Essen, Isoflaschen an den Verpflegung und der Druckbetankung fuer die Salztabletten. Zum zweiten mal „The Hell“, zum ersten mal sehe ich bekannte Gesichter: Patrick und Eva! Schön euch zu sehen! Weiter nach Friedberg. Die Beine werden langsam müder. Am Heartbreak-Hill ists jetzt auch schon leerer. An der Aid-Station danach sind die Gels aus. Bei 400 Euro Startgeld darf, dass aber nicht passieren. Nun. ich hatte das Trikot voll bestückt mit allen was ich brauche. Noch die letzten Kilometer runterrollen nach Frankfurt. Ein Gedanke schiesst mir durchs Hirn: „jetzt nurnoch laufen“. Der zweite Gedanke: Hmm „nurnoch“ bedeutet ein Marathon. Und ich hatte vorher noch nie einen gelaufen. Ich war gespannt.

15:00 / WZ2
Ich gebe das Rad einem Helfer und suche wieder meinen Beutel. Diesmal ist der Wechsel schneller. Radschuhe aus, Laufschuhe und Kappe an. Ich laufe!

15:05 / Laufen
Meine Füße haben inzwischen die Form der Radschuhe angenommen und mußten sich auf dem ersten Kilometer erstmal an die Laufschuhe gewöhnen. Nach 2km wurde mir langsam etwas flau im Magen und ich dachte mir: Jetzt kommt endlich der Hammer, der ja kommen mußte. Gleichzeitig mußte ich etwas essen, sonst war das Loch in den nächsten Stunden vorprogrammiert. Ich entschloß mich an den Verpflegungsstellen zu gehen und langsam zu trinken und Gels zu essen; ohne Hektik. Danach weiterlaufen. WIe stand auf Schildern: „Nicht Denken – Laufen“. Wie wahr. Die  Zuschauer und Helfer sind der Wahnsinn. Auf der ersten Laufrunde sehe ich wieder Patrick und dann Susanne auf der Bruecke. Ich hatte noch 38km vor mir, aber ich war nicht allein. Meinem Magen gehts langsam wieder besser, ich bin trotzdem vorsichtig mit dem Essen. Und ich spüle mir weiterhin Salztabletten den Rachen runter. Ich schaffe es irgendwie 2 Gels pro Stunde und Wasser runterzuwürgen. Der Geschmack der süßen Gels und dem ISO-Getränken geht mir schon seit Stunden auf den Geist. Warme Cola mit Kohlensaeure ist auch nicht so der Bringer. Zweite Runde. Hey. noch diese Runde und ich habe den Halbmarathon. An der Strecke Jan, Annabelle, Daniel, Anja. Ich nehme mir 2 Sekunden um sie abzuklatschen. Im nachhinein erfahre ich dass ich Freunde abgeklatscht habe, die ich nicht bewusst wahrgenommen habe. Ich mußte weiter. 4km weiter begegne ich Isa und Simon. Isa will mich mit Wasser erfrischen. Ich hatte auch jetzt schon fast einen Ekel an Wasser (Ich haette nicht gedacht, dass es sowas gibt…). Runde drei. Hälfte ist geschafft. Inzwischen weiss ich wo ich die bekannten Gesichter suchen muß und freue mich auf sie.

Dazwischen Laufen, Iso, noch ein Gel, Käsekuchen, Käsekuchen ausspucken, eine Helferin preist mir TUC-Kekse an. Ich gehe 5 Schritte zurück. SO sehr habe ich mich noch nie auf TUC gefreut. SALZ! Weiter. Bisschen Wassertrinken. Laufen. Isa ist immernoch da und will wohl ihr Wasser nicht wieder mit nach Hause nehmen. Ich kriege es übergeschüttet. Ihhh, WARMES Wasser 🙂 Egal der Fahrtwind wirds richten. Letzte Runde. Jetzt noch ein Rosabändchen und ich wäre durch! Letzte Runde und noch mehr Fans: Lisa und Raphael. Marcus habe ich leider uebersehen, er war sogar beim Schwimmen dabei! Ihr seid Klasse. Dann habe ich das Rosabändchen. Noch 2km!!! ich geniesse die letzten beiden Kilometer. Bei jedem anderen Rennen versuche ich noch mal Gas zu geben. Heute ist es mir egal. Ich laufe mein Rennen. Ich lasse andere überholen wenn sie wollen. Und dann biege ich in den Zielkanal ein

19:45 / Ziel
Was dann kommt kann man nur ansatzweise beschreiben. Jubelende Zuschauer im engen Kanal. links und rechts Hände, die ich abklatsche, Musik. Ich habe Gänsehaut. noch 100m. Der kanal wird breiter. Volle Tribünen, Licht, Ich reisse die Hände nach oben und laufe durch das Zieltor. Ich darf mich Ironman nennen.

Ich danke euch allen. Euer Interesse an meinem Trainingsfortschritt in den letzten Monaten haben mich motiviert das Ziel zu erreichen und euch an der Strecke zu sehen war die Kroenung von diesem perfekten Tag!



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2 Responses to Der eiserne Sonntag

  1. Susanne sagt:

    Du hast vergessen zu erwähnen, dass du vor lauter Aufregung um kurz vor 4 deine Hose und dein Shirt falsch rum angezogen hast 😉

  2. Verena sagt:

    lena nennt dich jetzt idonmen 🙂

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